Umfassende planerische Steuerungskonzepte

 


Aus der Vielfalt der planungstheoretischen Fragen im Kontext der Nachhaltigen Entwicklung verdient das von der Agenda 21 von Rio des Janeiro aufgeworfene und vom deutschen Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (SRU) im 1994er Gutachten aufgegriffene steue-rungstheoretische Problem der Globalsteuerung besonderes Interesse. Auch das Gutachten des SRU aus dem Jahre 2000 empfiehlt die Erarbeitung von medien- und bereichsübergreifenden Umweltplänen im Sinne "breiter, unter gesellschaftlicher Partizipation erstellter, staatlicher Handlungsentwürfe, die medien- und sektorübergreifend langfristige Ziele und Prioritä-ten einer wirtschafts- und sozialverträglichen Umweltpolitik festlegen".

Mit der Betonung des holistischen Planungsansatzes hat die Agenda 21 die Planungsdiskussion neu belebt. Die Empfehlungen der Agenda 21 zur Einführung umfassender Planungssysteme führen zu einer erneuten theoretischen Diskussion über Sinnhaftigkeit und Realisierbarkeit der in Deutschland unverändert umstrittenen umfassenden Planung, nachdem sich die in der Nachkriegszeit entwickelten Ansätze zu einem umfassenden Planungsdenken, verbunden mit einem "Denken in vernetzten Systemen" in Deutschland gegenüber Vorbehalten aus Wissen-schaft und Teilen der Politik nicht durchsetzen konnten.

Die Rolle der umfassenden Planung im Kontext der seinerzeit vorherrschenden Fortschrittsideologie beschrieb Karl Mannheim mit der Formulierung, die Krise, in der sich die modernen Industriegesellschaften befänden, sei (nur) durch einen stetigen Rationalisierungsprozess im Rahmen der umfassenden Planung zu überwinden. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht wandte sich Popper mit dem Hinweis auf eine notwendige Bescheidung auf eine Politik der kleinen Schritte gegen die Mannheimsche Position und Klages wies später darauf hin, dass der Ansatz der Steuerung der technischen Entwicklung durch Planung die (vorherige) kritische Überprüfung und Bewertung der derzeitigen Steuerungsmöglichkeiten (zu der die Steue-rungsmöglichkeiten durch Recht gehören) erforderlich mache, und dass darüber hinaus die Prüfung der Frage nach den Leistungsschwächen und überflüssigen Problembelastungen des Systems und den Möglichkeiten zu ihrer Beseitigung erforderlich sei.

Dieser Diskussion hat die Theorie allerdings nicht davon abgehalten, differenzierte Planungs- und Steuerungsmodelle – so bereits im Rahmen der MAB-Forschung zu entwickeln. In Deutschland erarbeitete Vester das häufig kopierte Sensitivitätsmodell. Ein heute viel disku-tiertes (daraus entwickeltes) Modell ist das Modell des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes-regierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).

Die Forschungs-Arbeitsgemeinschaft geht von folgenden Hypothesen aus:

•  Planung hat als Bindeglied zwischen Politik, Recht und Verhalten eine entscheidende Brückenfunktion. Sie hat, wie die Beispiele der Niederlande und der Republik Korea zeigen, wesentliche Steuerungsfunktionen und ist deswegen für das Konzept der Nachhaltigkeit von erheblicher Bedeutung.

•  Im Rahmen sozial-ökologischer Transformationsprozesse sind Nachhaltigkeits-Konzepte mit Hilfe eines neuen Ansatzes der Planung umsetzbar. Ein wesentliches Element desselben ist die für die Umsetzung erforderliche Steuerung gesellschaftlichen und individuellen Verhaltens.

•  Eine essentielle Komponente umfassender Umsetzungs- und Transformationskonzepte für die nachhaltige Entwicklung ist die Operationalisierung des Nachhaltigkeitsgedankens durch Indikatoren. Diese sind abzugleichen mit Daten aus den Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Gesundheit. Insoweit wird im naturwissenschaftlichen Teil des Projekts geprüft, inwieweit die Datenerhebungen zu Umwelt und Gesundheit ausreichen, um die vorhande-nen Indikatorensysteme zu quantifizieren.

•  Ob das sog. New Governance-Konzept in allen derzeitigen Lesarten ein realistisches Um-setzungskonzept des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung – im Gegensatz zu den bisher praktizierten (zumeist rechtlich geregelten Varianten) – der Planung ist, muss geprüft werden. 

•  Um Planung und Politik Orientierungswerte für Innovationen und Pfadveränderungen in die Richtung einer nachhaltigen Entwicklung geben zu können, ist ein valides und nachvollziehbares Schwellenwert-System der nachhaltigen Entwicklung unabdingbar.


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